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Der Niesen vom Heustrich aus
    • Öl auf Leinwand
    • Objektmass: 80 x 91 cm
    • Inv.-Nr. 22
    • Aargauer Kunsthaus Aarau
    • © gemeinfrei
    • Gilt Caspar Wolf (1735–1783) als Begründer der Schweizer Bergmalerei, so wird Ferdinand Hodler (1853–1918) zu deren Vollender. Dank den Bildern in der Sammlung des Aargauer Kunsthauses kann die Entwicklung der Malerei von der Aufklärung bis zur Moderne an einem typisch schweizerischen Motiv aufgezeigt werden.

      Hodler prägt das Bild des Berges in der Kunst entscheidend. Der deutsche Vedutenmaler und Lehrmeister Ferdinand Sommer (1812–1903) ermöglicht dem jungen Hodler den Eintritt in die Kunst. Im Anfertigen von idealisierten Souvenirlandschaften für Touristen entdeckt Hodler die Schönheit der Natur um Thun und ist von der Pracht der umgebenden Berge wie der Stockhornkette und des Niesens berauscht. Die Erhabenheit der Berner Gebirgswelt, die Seen, die Felsstrukturen und Weiten des Himmels wirken nachhaltig auf Hodler. Als Betrachter spürt man Hodlers Identifikation mit der Landschaft – seine Bergansichten stehen nahe bei seinen Selbstbildnissen. Ähnlich einem Porträt erfasst er den Berg als Individuum: Die kontrastreichen Berghänge und der Umriss des Niesens sind im Bild bewusst herausgearbeitet. Zudem verleiht er dem Berg durch eine nicht ersichtliche Lichtquelle etwas Geheimnisvolles.

      Zahlreiche Male hält Hodler den Niesen südlich des Thunersees im Berner Oberland fest, der ihn aufgrund seiner regelmässigen pyramidalen Form besonders interessiert und ihn zur Untersuchung des Zusammenspiels von Farbe und Form anregt. Frühe Fassungen entstehen 1882, weitere zwischen 1908 und 1912. Bei den Letzteren lassen sich zwei verschiedene Darstellungsarten unterscheiden: einerseits die Sicht auf die Bergpyramide mit dem See im Vordergrund, andererseits die auf den Gipfel fokussierte Wiedergabe. Im Sommer 1910 malt Hodler drei Ansichten des Niesens in der Umgebung von Aeschi. Das Dorf liegt bei Spiez und erlaubt durch seine Lage auf einem Hochplateau einen guten Blick auf den Berg. Neben dem Sammlungswerk aus dem Aargauer Kunsthaus befindet sich das zweite Bild im Kunstmuseum Basel (Inv.-Nr. 1385), das dritte in Privatbesitz. In allen drei Arbeiten widmet sich der Künstler dem kompositorischen Thema der Gegenüberstellung von Bergpyramide und ornamental angeordneten Wolken. In unserem Ölgemälde konzentriert sich der Künstler auf die Bergspitze, indem er die Gipfelpartie beinahe symmetrisch zur Mitte hin komponiert. Die naturgegebene Symmetrie des Berges versucht Hodler im Bildfeld weiterzuführen. Auch der elliptisch geformten Wolkenkranz ist symmetrisch arrangiert: Dessen senkrechte und waagrechte Mittelachse treffen sich auf der Bergspitze. Damit schafft er eine Akzentuierung, die die Spannung innerhalb des Bildes erhöht.

      Hodler leitet seine Theorie des Parallelismus, definiert als Wiederholung gleichartiger Formen, aus der Beobachtung der Natur ab und entwickelt damit eine Annäherung an die Abstraktion. Der Niesen kommt Hodler mit seiner klaren Dreiecksform entgegen, und die Darstellung des Berges zeigt auf, dass Hodler das Wesentliche der Natur, frei von unnötigen Details, wiedergeben will. Die Landschaft als Abbild ist für den Künstler kein Thema mehr, sondern er ist bestrebt, dem als wesentlich Erkannten mit stilisierenden Bildmitteln gerecht zu werden. Auch wenn er die Gegenständlichkeit nicht überwindet, stehen seine geometrischen Kompositionen an einer Grenze zur Abstraktion und nehmen Werke Piet Mondrians (1872–1944) oder des Abstrakten Expressionismus vorweg.

      Das Gemälde kann 1910, im Jahr seiner Entstehung, für die Sammlung des Aargauer Kunsthauses erworben werden.

      Karoliina Elmer